König Julian

König Julian

Kurzbeschreibung: Ein kleiner Junge wird bei der Geburt vertauscht und wächst in einem Waisenhaus auf. Als er die Ungerechtigkeit nicht mehr ertragen kann, führt er dort einen Aufstand an. Doch was danach geschieht, ist noch viel gefährlicher.

2012. Am 04. April wurde ein Baby geboren, das ein ganz besonderes war. Es war das Kind von Barbara und Jörg Kreuzer. Das Baby war männlichen Geschlechts, wog 2800 Gramm und war 44 cm groß. Um 10:36 Uhr durchschnitt sein Vater die Nabelschnur. Danach kam er auf die Säuglingsstation. Unterdessen hatte der Computertechniker Helmut seinen Job erledigt. Er war bei einer Firma angestellt, die Programme für Krankenhäuser anbot. Das Krankenhaus in Berlin – Weißensee hatte ihn gerufen. Es gab Probleme bei dem Computer, der für die Verwaltung der Babys zuständig war. Er war in der Vergangenheit häufig stehen geblieben. Diesen Job erledigte Helmut nun also. Es war Routine. Während er an seinen Feierabend dachte, werkelte er an dem Gewirr von Kabeln, Steckern und Lämpchen herum. Schon war es erledigt. „Sie können sich sicher sein, dass das Problem nun behoben ist!“, warf er einer Krankenschwester im Vorbeigehen, während er sich gedanklich schon bei seinem Feierabendbier befand.

Es war ein kurzer Funken. Ein letzter Stromschlag dieses Computerfehlers, der die vergangenen Wochen das Krankenhaus zu einem Platz von uneingeschränktem Chaos machte. Zum letzten Mal bäumte sich das Chaos auf, bevor es in sich zusammenbrach. Ein kurzer Elektronenaustausch zwischen zwei Kabeln genügte und zwei Namen tauschten in der Festplatte des Computers ihren Platz. Darunter war der Name Kreuzer.

Die Kreuzers waren so erleichtert, dass Barbara die Geburt unbeschadet überstanden hatte, dass sie den Tausch nicht bemerkten. Das andere Elternpaar bestand nur aus einer Person. Diese Person hieß Andi Schmidt. Ein paar Wochen zuvor hatte sich seine Freundin von ihm getrennt. Sie war schwanger. Andi hatte es die ganze Zeit für sein Kind gehalten, doch an jenem  Abend war alles anders. Sie hatte sich mit ihm, ganz ungewohnt, abends in einem Restaurant verabredet. Zu Hause sahen sie sich fast gar nicht mehr – sie musste dauernd arbeiten und er – nun ja, er schlief meistens schon, als sie wieder da war. An jenem Abend also war er pünktlich im verabredeten Restaurant, doch sie verspätete sich, so schien ihm. Doch in Wirklichkeit verspätete sie sich absichtlich. Sie wusste, dass es nun schmerzvoll wird und wollte dieses Treffen so lange wie möglich hinauszögern. Doch es nützte nichts. Sie musste dorthin. Im Restaurant erklärte sie es ihm. Angefangen von der sexuellen Langeweile, davon, dass sie ja auch ihre Bedürfnisse hätte und dass er sie nicht mehr besonders anziehend findet und es als selbstverständlich ansieht, dass sie seine Freundin ist, bis hin zu der Lüge, dass sie ja noch Freunde bleiben könnten. Und dann kam das Wichtigste.

„Andi, ich muss dir noch was sagen. Bitte bemüh dich nicht um den Unterhalt für das Baby. Der Vaterschaftstest würde negativ ausfallen. Es tut mir leid!“. Mit diesen Worten nahm sie ihre Tasche, stand auf und verließ das Restaurant. Andis Gesicht fing an, nass zu werden. Er stützte seinen Kopf in seine Hände und versank in seiner Trauer. Sein Leben war von einem Moment zum andern wie ein Kartenhaus zusammengestürzt. Doch das wollte er nicht auf sich sitzen lassen. Es war SEIN Kind, egal, was sie sagte.
In den folgenden Tagen nahm die Besitzsucht des Babys ihn so in Anspruch, dass er zwei Stunden  nach der Geburt des Babys am 3.4. ungesehen in das Krankenhaus schlich, sich zielstrebig zum Computer der Säuglingsstation begab und den Namen seiner Ex und ihres neuen Freundes im Register löschte und seinen Namen eintrug. Schon ein paar Stunden später ließen die Krankenschwestern seine Ex nicht mehr auf die Station, die ja, ironischerweise, unweit der Station im Bett lag. Da jedoch plötzlich der Grund ihres dortigen Aufenthaltes nicht  mehr gesehen konnte, weil er nicht im Computer stand, wurde sie kurzerhand rausgeworfen. Dass nun das einzige existierende Elternteil von einem Kind männlich war, schien niemanden zu wundern.

Als Andi kurze Zeit später aus dem Krankenhaus ging, bemerkte er, wie eine junge, schwangere Dame im Krankenwagen ankam. Er sah ihren Begleiter an. Was für ein Glück er hatte. Jörg bemerkte den Blick des Fremden nicht.

Andi hatte zwei Tage später seinen Sohn zum ersten Mal in den Armen.

 

 

2018. Am 19. September hatte Julian zum ersten Mal Kontakt zu einer Person, die nicht sein Vater war. Andi erzog ihn fürsorglich und vorsichtig. Nach seiner Geburt durfte niemand wissen, dass Julian bei seinem Vater war, bei seinem richtigen. Natürlich gab es Probleme mit seiner Ex - Freundin. Sie rief die Polizei. Doch die konnte nichts anderes feststellen, als dass Andi der Vater war. So war es in der Geburtsurkunde festgeschrieben. Da konnte selbst die Polizei nichts machen. Urkunden sind Gesetz. Trotzdem hielt Andi Julian lieber aus dem öffentlichen Leben raus. Es konnten schnellunbequeme Fragen gestellt werden, wie die nach der Mutter oder seit wann Andi eigentlich vorhatte, eine Familie zu gründen. Andi war immer der typische Charlie – Sheen – Typ gewesen, der viele Frauen gehabt hatte, fast jeden Abend eine andere. Er trank und nahm Drogen. Doch er hätte sich nie träumen lassen, dass er sich mal an eine Frau binden könnte. Und dann tat sie ihm das an, was er schon so vielen Frauen vor ihr angetan hatte. Charma. Schicksal. Nennt es, wie ihr wollt. Ich nenne es einfach ausgleichende Gerechtigkeit.

Doch war es richtig, den Jungen von seinen Eltern zu trennen? Diese Frage stellte sich Andi immer wieder und immer wieder fand er keine Antwort darauf. 

Für seinen Sohn musste er allerdings sein gesamtes Leben umkrempeln. Er verbat sich selbst das Rauchen, das Trinken und nahm von den Drogen Abschied. Er trank nun noch nicht einmal mehr Kaffee. Er wurde zum Vegetarier und trieb nun regelmäßig Sport. Er versuchte auch, eine Arbeit zu finden, doch mit seinen schlechten Realschulabschlussnoten war das nicht von Erfolg gekrönt. Doch es gab eine Lösung: Er machte einfach seinen Realschulabschluss nochmal an der Abendschule. Das war billig und half der Allgemeinbildung. Man sah nun in seinem Lebenslauf deutlich, dass er versuchte, sich und sein Leben zu verbessern. Er bewarb sich daraufhin erfolgreich um eine Lehrstelle als Tischler. Nun hatte er ein geregeltes Einkommen und konnte sich um seinen Sohn kümmern, den er nun halbtags vor den Fernseher setzte.

Julian lernte dadurch schnell, auf sich selbst aufzupassen und er lernte vor allem, seinen Papa auszutricksen, ohne dass dieser etwas merkte. So konnte er zum Beispiel den Glasrahmen des Bildes von Oma zertrümmern, danach sammelte er die Scherben auf und verteilte sie so im Zimmer, dass man sie nicht sah.  Ob das Bild nun einen Glasrahmen hatte, oder nicht, sah man nicht oder Papa hatte einfach kein Interesse, sich das Bild genauer anzugucken.

Er hatte kein gutes Verhältnis zu seiner Mutter gehabt, auch nicht nach ihrem Tod. Es war schwer zu beschreiben, warum das so war, aber wahrscheinlich hatte sie zu hohe Erwartungshaltungen und mischte sich überall ein. Das nervt auf Dauer. Und da sowohl der Sohn als auch die Mutter Sturköpfe waren und nicht von ihren Meinungen abrücken wollten, gingen sie im Streit auseinander. Bis in den Tod. Es war brutal, aber es war so und Andi betrachtete das Kapitel als abgeschlossen.

Zurück zu Julian. Durch das ständige Ferngegucke schnappte er viele Dinge im Fernsehen auf. Er sah, dass nicht alle Leute so flachbrüstig waren wie er, dass es Leuten Spaß zu machen scheint, sich ständig irgendwo auf der Welt in die Luft zu sprengen oder in die Luft sprengen zu lassen und dass das Fernsehen sein einziger Berührungspunkt zur Außenwelt war. Doch ein was faszinierte ihn. Da gab es diesen einen Film. Da übernahm ein einfaches Meerschweinchen die Kontrolle über die gesamte Tierwelt, indem es mit einem Nashorn und einer Riesenschlange den Löwen vom Thron stürzte.  Da war das Meerschweinchen der König der Tiere.  Natürlich sollte dieser Film die Botschaft haben, den Kindern zu übermitteln, dass man auch als einfaches, unbedeutendes Wesen etwas erreichen kann. Doch für Julian hatte es eine größere Bedeutung. Es zeigte ihm, dass man mit Gewalt alles erreichen kann. Und er fragte sich, ob es auch einen König über die Menschen gab.

 

Am 19. September jedenfalls hatte Julian zum ersten Mal Kontakt mit einer anderen Person als Papa. Musste er auch. Es war der Tag seiner Einschulung. Als er aus dem Haus trat, atmete er zum allerersten Mal die Luft seiner gewonnenen Freiheit ein. Und als er in das Auto von Papa einstieg, merkte er, dass sein Tag bald kommen würde. Der Tag, um das Königreich der Menschen vorzubereiten, das es noch nicht gab, das hatte ihm sein Papa erzählt.

Doch noch war es nicht soweit. Noch fuhr Papa mit dem Vehikel durch Berlin. Julian sah jubelnde Menschenmassen, abgesperrte Straßenzüge und ein großes Polizeiaufgebot. Doch je mehr er es sich wünschte, umso mehr wurde es für ihn Wirklichkeit. Als Papa ihn nach danach fragte, ob er sich auf die Schule freue, wurde Julian jäh aus seinen Träumen gerissen.

Die Anmeldung Julians an der Schule hatte Andi extreme Überwindung gekostet. Er hatte ihn 6 Jahre lang vor der Außenwelt versteckt, doch irgendwann musste er schließlich einmal raus. Das war unumgänglich. Die Schule war nicht so weit entfernt und die Lehrer schienen ganz nett zu sein. Trotzdem hatte Andi Angst, dass ein Klassenkamerad von Julian irgendwann auf die Idee kommen würde, ihn nach seiner Mutter zu fragen. Und das würde passieren. Und dann würde Julian selbst unbequeme Fragen stellen. Doch das ließ sich nicht mehr verhindern. Er hatte auch Angst davor, dass irgendwann seine Ex vor der Schule stehen konnte und Julian einfach entführen würde. Doch dann würde er die Polizei einschalten. Er hatte das Recht auf seiner Seite.

Das Schulgebäude jedenfalls war etwas alt und heruntergekommen, aber es stand inmitten einer Grünfläche mit Spielwiese und einem modernen Sportplatz. Eine Turnhalle und eine Aula waren im Gebäude eingegliedert und auch ein Speiseraum fehlte nicht. Wollte man das Gebäude betreten, musste man zuerst durch eine riesengroße, hölzerne Tür. Nach links und nach rechts fluchtete ein Gang. Andi wusste, wo sie hin mussten und ging mit Julian die letzten Schritte, in denen er noch kein Schulkind war.  Als Andi im Klassenzimmer verschwand, war die erste Etappe seines Lebens gemeistert. Andi freute sich nicht darüber, Julian schon.

Andi wendete dem Klassenzimmer seinen Rücken zu. Ihn plagten Zweifel. Zweifel, ob das wirklich richtig war, was er 6 Jahre zuvor getan hatte. Zweifel, ob es richtig war, Julian vom Fernseher erziehen zu lassen. Er musste jetzt Julian langsam loslassen. In dessen Leben und das bereitete ihm wahnsinnige Angst, denn Julian würde ihn nie mehr ansehen können, wenn er ihm die Wahrheit sagte. Er fuhr nach Hause und erledigte ein paar Dinge.

Danach schloss er die Augen, atmete tief durch und sah sich ein letztes Mal in seiner Wohnung um. Es war alles an seinem Platz. Er öffnete die Tür, trat hinaus auf den Gang und verschloss sie wieder hinter sich.  „Guten Tag, Frau Klein!“, grüßte er die ältere Dame, die sich an ihrer Wohnungstür zu schaffen machte und erschrak, als Andi hinter ihr auftauchte. „Oh, guten Tag, André! Ich habe dich lange nicht mehr gesehen! Sag, was macht die Arbeit?“. „Es tut mir leid, Frau Klein, aber ich habe keine Zeit für ein Gespräch. Ich hab noch einen wichtigen Termin.“. „Oh, na dann, mach‘s mal gut, Junge!“. Dann wendete sie sich wieder ihrem Türschloss zu. Andi ging weiter zum Treppenhaus. Dort begegnete ihm die hübsche Yvonne aus der 5. Etage. Doch sie sah mit glasigen Augen an ihm vorbei, als er sie grüßte. Als er unten ankam, sah er einen Krankenwagen am Eingang stehen. „Was ist hier los?“, fragte er einen vorbeieilenden Sanitäter. „Teenager. Herzanfall. Konnte gerade noch so wiederbelebt werden. Tut mir leid, aber mehr kann ich Ihnen nicht sagen.“. Mit einem kurzen Nicken gab Andi zu verstehen, dass er es verstanden hatte. Wie grausam die Welt doch war. Andi setzte sich in sein Auto und fuhr los. Nein, nicht die Route zur Arbeit. Er wollte auch niemanden besuchen, geschweige denn, etwas trinken zu gehen, nein, er fuhr zum Berliner Fernsehturm. Eine Attraktion ohnegleichen. Als er ankam, stieg er aus, nahm das Brecheisen aus dem Kofferraum, dass er immer für Notfälle dabei hatte und versteckte es gekonnt unter seiner Jacke. Niemand merkte etwas. Nicht einmal die Sicherheitskontrollen. Er fuhr mit dem Aufzug nach oben. Danach stieg er noch etwas weiter hoch zum Restaurant. Plötzlich rannte er, wie von der Tarantel gestochen, auf eines der Fenster zu, zog sein Brecheisen hervor und durchbrach damit ein Fenster.

 

Berlin. Eine bislang unbekannte Person stürzte sich heute Vormittag aus 207 m Höhe vom Berliner Fernsehturm in den Tod. Weitere Verletzte gab es nicht. Laut Zeugenaussagen sei der Mann plötzlich auf ein Fenster zugerannt und habe es mit einem Brecheisen zerschlagen. Danach sei er, ohne zu zögern, sofort gestürzt. Rettungskräfte konnten nur noch den Tod feststellen. Bisher ist noch nicht bekannt, wie diese Person trotz Sicherheitskontrollen mit einem Brecheisen auf die Berliner Sehenswürdigkeit gelang und welches Motiv es für den Selbstmord gab. Die Bundeskanzlerin äußerte sich folgendermaßen zu diesem Vorfall:

(Stimme der Kanzlerin) Ich bin sehr geschockt darüber, wie schnell Menschen sich in den modernen Zeiten umbringen. Das hat man auch an Robert Enke gesehen. Die Bundesregierung unterstützt Maßnahmen zur psychologischen Betreuung der Bevölkerung, aber der erste Schritt muss natürlich von den Betroffenen kommen. Ich sehe die Schuld dafür nicht beim Sicherheitspersonal, denn der Mann hätte sich sowieso umgebracht, da konnte die Security auch nicht mehr viel machen. Ein Terrorist wäre uns natürlich sofort aufgefallen. Ich wünsche den Angehörigen alles erdenklich Gute.“

 

Julian wunderte sich, als nachmittags niemand kam, um ihn abzuholen. Doch irgendetwas war passiert. Die Schulleiterin sah gestresst aus, als sie ihn aus dem Klassenzimmer holte. Sie sagte ihm, dass er nun nicht mehr bei seinem Vater wohnen könne und dass er heute von Männern des Jugendamtes abgeholt werden sollte. Sie sagte aber nicht, warum. Er fragte auch nicht nach. Er war zu sehr in seiner Traumwelt gefangen, als dass er hätte einen normalen Satz sagen können. Dann kamen Männer mit schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen. Sie waren groß und muskelbepackt und folgten einer mickrigen, schrulligen alten Frau, die ihnen Befehle gab. Julian wusste, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte. Er sah zwei heruntergekommene Asylanten mit einem aggressiv bellenden Hund. Der Hund wies die Asylanten an, Julian mitzunehmen. Natürlich wehrte er sich, doch es half ihm nichts. Die Asylanten waren stärker, als er vermutet hatte. Er war gestürzt worden. Wo war seine Leibgarde, seine Beschützer? Der König hätte beschützt werden müssen! Doch sie warfen ihn in einen Transporter und fuhren mit ihm weg. Weg von dem Königreich, das er aufgebaut hatte, weil ihn der Unterricht in der Schule gelangweilt hatte. Er wusste alles schon und war unterfordert.  Und dann wusste er, dass er sich rächen musste.

Es war einer dieser traurigen Nachmittage. Mal wieder hatte sich ein Vater umgebracht, der anscheinend viel zu gestresst war, um sein Kind und seinen Job unter einen Hut zu bringen und sich selbst umgebracht hatte. Frau Patschanski hasste es, wenn Väter nicht die Verantwortung für ihren eigenen Samen übernahmen. Das Kind selbst wusste noch nicht, was mit seinem Vater passiert war und das war auch gut so. Es würde es zum gegebenen Zeitpunkt erfahren. Doch jetzt musste es in ein Waisenheim. Die offiziellen Dokumente ließen keinen anderen Schluss zu, als dass das Kind keine lebenden Verwandten mehr hatte. Also wurde es in das Waisenheim gesperrt, das von Frau Patschanski geleitet wurde. Mit mühevoller Kleinarbeit und mit Liebe zum Detail hatte sie das Waisenheim zu dem Gefängnis gemacht, das es heute war. Alles folgte einem geregelten Tagesplan. 6 Uhr aufstehen, 6:02 Uhr Zähneputzen, 6:05 Frühstück, 06:10 Uhr bis 17:20 Uhr Unterricht ohne Pause, 17:25 Abendbrot, 17:30 Zeit für Hausaufgaben, 17:45 Uhr Waschen, 18 UhrZähneputzen, 18:03 Uhr Schlafen gehen. Und das war nur der Tagesplan für Sonntag. Frau Patschanski war der Meinung, dass man den Kindern nur mit harter Hand entgegentreten konnte, also gab es drakonische Strafen für das Nichteinhalten des Tagesplanes oder dem Verstoß gegen die Hausordnung. Eine Hölle, die vor wenigen Tagen ein Mitglied wegen Unterernährung verlor. Daher kam Julian dazu.

 

2022. Am 03. April feierte Julian seinen 10. Geburtstag. Dass er eigentlich ein Tag später Geburtstag hatte, wusste er nicht. Das wusste niemand. Zu seinem Geburtstag kriegte er, wie immer, 2 staubtrockene Kekse. Doch er hatte es satt. Die festgelegten Pläne, an die er sich inzwischen gewöhnt hatte, das wenig nahrhafte Essen, die Prügelstrafe. All das hatte nicht nur in ihm zu einer inneren Wut geführt.

Seitdem er im Waisenhaus war, hatte Julian ein paar Freunde gefunden. Freddy, oder „die Leuchte“, war der Klügste. Er war  groß und schlank, aber kein Nerd, sondern eher ein Durchschnittstyp. Doch er war derjenige, der neben Julian die Einsen in der Schule schrieb, und nicht die anderen zogen ihn damit auf, sondern er zog die anderen damit auf, denn jeder, der schlechtere Noten als Zweier bekam, bekam einen Tag lang nichts zu essen. Charlie war ein grobschlächtiger Junge, dessen Stärken nicht im Denken lagen, sondern er war für die brutale Weise, Probleme zu lösen. Er hatte keinen Sinn für Feinheiten, geschweige denn Gefühle, und tapste dementsprechend oft in Fettnäpfchen. Marco war der Playboy. Durchtrainiert, muskelbepackt und stets mit einer Ladung Deo und Haarspray dabei.  Er gehörte zu den Älteren – er war 16 Jahre alt und froh, dass er dem Gefängnis bald entfliehen konnte. Natürlich hatte er schon viele Freundinnen. Und er war keine Jungfrau. Sein Sternzeichen war Löwe.

Das war nur ein Bruchteil der Freunde, die Julian sich gemacht hatte. Mit seiner Art begeisterte er einfach andere Leute. Er konnte nichts dafür, aber er wusste, wie er diese Fähigkeit gezielt einsetzen konnte. Und er sprach mit nur 10 Jahren das aus, was sich alle im Waisenheim wünschten.

Als sein Klassenlehrer das Wort an ihn richtete, weil er die Hauptstadt von Nordrhein – Westfalen wissen wollte, erhob er sich von seinem Stuhl.

„Ich finde es unwichtig, dass Düsseldorf die Landeshauptstadt von NRW ist. Ich finde es viel wichtiger, dass wir endlich begreifen müssen, dass wir unser Dasein hier nicht länger so akzeptieren können, wie es ist. Wir müssen unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir müssen uns endlich gegen diese Tyrannei erheben! Wir können nicht einfach nur zusehen, wie Frau Patschanski uns überstrapaziert, uns quält mit ihren dummen Methoden! Wir müssen endlich auf den Tisch hauen (Während er das sagte, schlug er mit der Faust auf seinen Tisch, der diesem Schlag noch standhalten konnte)und uns von ihr befreien. Wer ist dabei, der stehe nun auf! „Julian, du weißt schon, dass ich das Frau Patschanski melden muss?“, fragte der Lehrer. Charlie, der einzige der oben genannten Freunde, der mit Julian in eine Klasse ging, erhob sich, bald darauf sein Nachbar. „Glauben Sie mir, das wird Konsequenzen haben! Für jeden Einzelnen von euch!“. Charlies versteinerte Miene zeigte, dass er sich plötzlich nicht mehr sicher war, ob er sich wieder hinsetzen sollte. Doch er blieb stehen. Weitere Schüler standen auf. „Das wagt ihr nicht! Eric, Kevin, Horst, setzt euch gefälligst wieder hin!!“, schrie der Lehrer, der nun vollkommen überfordert war mit der Situation. Revolutionen verhindern gehörte nicht zu seinem Repertoire als Lehrer. Inzwischen war die halbe Klasse auf den Beinen und immer mehr Leute standen auf. „Also gut, ihr habt es so gewollt – ihr kriegt eine Woche lang nichts mehr zu trinken…“- es standen trotzdem weitere Schüler auf – „…nichts zu essen…“ – nun waren fast alle aufgestanden – „keine Erlaubnis, aufs Klo zu gehen!!!“. Das kam zu spät. Es waren bereits alle aufgestanden. Zornig griff der Lehrer Julians Arm und schleifte ihn raus. Julian hing selbstverständlich am anderen Ende dieses Armes.

„Also gut, hör zu, Julian! Ich werde es nicht Frau Patschanski erzählen. Warum, spielt jetzt keine Rolle. Ich möchte aber, dass du mir jetzt ganz genau zuhörst. Versuch es nicht! Es gab schon einmal den Versuch, Frau Patschanski zu stürzen. Er schlug fehl. Fast alle Waisenkinder waren danach tot. Das ist es, verdammt nochmal, nicht wert – du hast nach dem Waisenheim noch ein wunderschönes Leben vor dir!“. „Es geht mir nicht darum, ob ich sterbe, Herr – wie hießen Sie nochmal? Ach egal – es geht mir um die Freiheit. Die Freiheit jedes Waisen, der hier in dem Haus wohnt. Und dafür zu sterben, ist es mehr als wert!“.

Julian ließ den sprach – und namenlosen Lehrer stehen und ging zurück ins Klassenzimmer. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Er blieb vor der Klasse stehen, starrte in die Leere und murmelte hörbar: „Wir treffen uns alle heute Abend nach der Bettruhe im Speiseraum.“. Danach ging er gemächlich wieder zu seinem Platz. Der Lehrer, der inzwischen seine Fassung wiedergefunden hatte, nahm wieder seinen Platz ein und fuhr fort.

Das war der Anfang. Nun kommt der Punkt, an dem der Stein ins Rollen kam. Es wird eine Entwicklung sein, die weder jemand aus der Geschichte, geschweige denn Sie, hätte vorhersehen können. Ohne die Spannung aus diesem Debakel nehmen zu wollen, sage ich: Nehmen Sie sich einen Stuhl, eine Tüte Popcorn und halten Sie sich fest. Möglicherweise werden Sie all das gar nicht brauchen, weil Sie eine Person sind, die so manches aushält, doch Sie könnten genauso gut eine Person sein, die sich leichter schockieren lässt. Ich glaube aber, dass Sie in diesem Fall andere Stärken haben. Intelligenz, Humor und die Werte, auf die es in der heutigen Gesellschaft ankommt (was leider völlig unterschiedliche Dinge sind) – irgendwo werden Sie besser sein als viele andere. Es kann auch eine einfache Sache sein – Sie können im Zählen gut sein, oder im Alkohol trinken. Sie können gut tauchen oder Sie können ganz besonders gut Ihre Liebe zum Ausdruck bringen. Was ich damit sagen will, ist, dass jeder Mensch Stärken hat. Sie. Der bärtige Mann am Zeitungsstand. Das behinderte Nachbarskind. Wenn alle Menschen wüssten, dass sie in mindestens einer Sache perfekt sind, würde es doch keinen Grund für Selbstmorde geben, da sie, egal, was auch passiert, eine Sache haben, auf die sie sich stützen können. Doch da dies hier nicht zu einer psychologischen Abhandlung werden soll, zurück zum Thema.

Julians Stärke lag in der Planung und Organisation von Dingen. Das wusste er damals noch nicht, aber es machte ihm Spaß. Und so hatte er sich am Nachmittag des 03. Aprils ein wenig Platz in seinem Gehirn geräumt, um die Planung eines historischen Events durchzuführen. Es würde in die Geschichte eingehen. In die Geschichte der Waisenheim – Revolten. Am Abend dann schlich er sich zum Speiseraum. Dort traf er die anderen aus seiner Klasse. Ein paar Gäste waren auch gekommen. Aus den anderen Klassen. Das war gut. Alleine hätten sie das nie gepackt. Natürlich waren Charlie, Marco und Freddy auch dabei. Als er an dem Tisch ankam, an dem die Meute saß, fing Julian an, über seinen Plan zu sprechen: „Also, Leute! Wir wollen doch alle nur eines: Revolution und die alte Patschanski stürzen, hab ich Recht?“. Die Menge johlte, zumindest so laut, dass es niemand außer Ihnen hörte. „Gut. Das können wir aber nicht alleine schaffen. Wir müssen alle Klassen informieren. Horst, übernimmst du das? Du gibst Zettel mit den wichtigsten Informationen an Schüler aus allen Klassen. Ja? OK. Leute, was brauchen  wir für eine Revolution?“. Julian kannte die Lösung, wollte die anderen aber testen. „Willen!“. „Waffen!“. „Glaube!“. Es wären mehr falsche Zurufe geworden, wenn Julian nicht fortgefahren wäre. „Das sind gute Ideen, aber was wir vor allem brauchen, ist Zusammenhalt. Teamgeist. Wir müssen uns gegenseitig vertrauen können. Ohne das funktioniert die ganze Sache nicht. Verstanden? Wir gehören nun zu einer Gruppe, die eine Idee zusammenschweißt: die Idee einer besseren Welt. Und dieser Idee müssen wir treu bleiben. Zweifler können wir nicht gebrauchen. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns – und für Frau Patschanski.“. „Ist das nicht ein bisschen engstirnig gesehen?“, meldete sich eine Stimme aus dem Hinterhalt. Ein älterer Junge. Als Julian sich ihm zuwandte, meinte dieser zu beobachten, wie sich die Pupillen von Julian verengten. „Wie ist dein Name?“, fragte Julian ihn. „Harry Peters.“. „FALSCH!“, polterte Julian. „Dein Name ist Verräter, Vorname Patschanski!!! Da hält sich jemand alle Optionen offen, falls das hier schief geht. Oh nein, so läuft das nicht. Wir werden alle bis zum Tod kämpfen und niemand wird freiwillig aufgeben. Wisst ihr, warum? Wisst ihr, was uns am Ende dieses Tunnels erwartet? Kürzere Schulzeiten, längere Essenszeiten und, vor allem, Pausen. Oder ihr könnt einfach dort raus (in diesem Moment zeigte er auf die Tür) marschieren, ohne Konsequenzen zu spüren. Wie ihr wollt! Wir leben in einem freien Land! Frau Patschanski ist die letzte Insel der Diktatur. Wir werden sie plattmachen und wir können auf Verräter wie dich verzichten, Spacko“, sagte er, wieder an den älteren Schüler gewandt. Dieser wusste, was nun zu tun war und verließ den Speiseraum. Ein paar Stunden später wurde er tot vor dem Waisenheim aufgefunden. Ob er selbst aus dem Fenster gesprungen war, ob es ein Unfall war, oder ob jemand ihn geschubst hatte, blieb ungeklärt. Aus Gründen der künstlerischen Freiheit, versteht sich. Zurück zu dem Abend. Julian setzte wieder an. „Und um unser gemeinsames Ziel zu erreichen ist es nötig, dass wir alle uns gegenseitig respektieren. Es ist egal, ob ihr schwarz, schwul oder behindert seid – ihr habt den gleichen Respekt verdient wie andere auch. Und unnötige Streitereien wie solche um eine verlorene Haarspange oder um die besondere Pokémon – Karte  sollten der Vergangenheit angehören, wenn ihr wirklich wollt, dass die Alte ihren Platz räumt.“. Während der ganzen Rede von Julian war es ruhig geworden, doch nun klatschten die Zuhörer leise. Das war übrigens eine weitere unentdeckte Stärke von Julian: Zuhörer gewinnen. Sie hatten es verstanden. Der erste Teil seines Planes war aufgegangen.  Nun folgte der Kernteil: die Organisation.

„So. Ich habe einen perfekten Plan ausgearbeitet. Passt auf.“. Und während Julian den anwesenden Personen seinen Vorschlag unterbreitete, wollen wir zunächst den Speiseraum verlassen und uns um Frau Patschanski kümmern. Sie war ein Einzelkind in einer sehr wohlhabenden Familie gewesen. Ihr ging es gut, sogar besser als gut. Und sie war ein warmherziges Mädchen. Sie stahl manchmal Geld aus dem Tresor ihres Vaters, eines erfolgreichen Cornflakes – Fabrikanten, und gab es den unterbezahlten Dienstboten. Außerdem wollte sie jedes Tier beschützen, das ihr in die Quere kam. Sie hatte schon oft Streit mit ihren Eltern, wie sie einfach Fliegen zerquetschten oder Würmer zertraten. Die kleine Frau Patschanski war immer freundlich und aufgeschlossen. Auch in der Schule hatte sie jeden Tag ein Lächeln auf den Lippen. In der 8. Klasse fand sie einen Freund und wollte mit ihm ihren Lebensabend verbringen. Als er sie zwei Wochen später wegen einer anderen verließ, war sie erschüttert, aber ihre heitere Art blieb ihr noch erhalten. Sie machte das Abitur mit links und wollte Geschichte studieren. Doch dann kam das erwartet Unerwartete. Als sie eines Abends nach Hause kam, war die Tür zu ihrem Elternhaus offen und das Licht war nicht an. Ein mit Vorurteilen behaftetes Bild eines typischen amerikanischen Horrorfilms, dachte sie sich. Und sie dachte, ihre Eltern würden sie verarschen wollen, weil sie so spät nach Hause kam. Sie ging in das Haus und machte die Tür hinter sich zu. Nun war es dunkel und sie wollte das Licht anmachen. Doch es ging nicht. Auch das war ein typisches Element amerikanischer Gruselschinken, also dachte sie sich, ihre Eltern hätten die Sicherungen raus gedreht.  Um diese These zu bestätigen, ging sie zum Kühlschrank, doch der ging komischerweise.  Das war seltsam. Sie holte die Taschenlampe aus ihrer Handtasche. Sie wusste selbst nicht, wie sie dahin gekommen war, aber es war gut, dass sie da war. Natürlich gingen die Batterien nicht und sie musste weiter im Dunkeln tappen. Da hörte sie ein Geräusch aus dem Keller. Doch anstatt schreiend wegzulaufen, wie es jede normale Frau getan hätte, ging sie dem Geräusch nach. Hin und wieder rief sie nach ihren Eltern, worauf aber irgendwie niemand antworten wollte. Dann tapste sie, völlig im Dunkeln, den Keller hinunter und da sah sie es. Nun möchte ich sie vorher aber warnen. Falls Sie gerade beim Essen sind oder Sie ohnmächtig werden, wenn Sie Blut sehen, überspringen Sie die nächsten Zeilen. Frau Patschanski sah, wie eine dunkle Gestalt sich an ihren Eltern zu schaffen machte. Glücklicherweise fiel ein bisschen Licht auf die Szene, woher das kam, bleibt ein Rätsel. Der unbekannte Täter hatte die Eltern von Frau Patschanski aufgeschlitzt und sämtliche Gedärme aus Ihnen entfernt. Nun war er gerade dabei, Zeitungspapier in sie reinzustopfen. Frau Patschanski schrie auf und lief davon. Sie stolperte ein paar Mal, was ihr vorher nie im Rennen passiert war. Doch sie entkam dem Mörder ihrer Eltern. Was sie nicht wusste: Ihre Eltern waren noch ein paar Stunden länger auf dem Ball geblieben, den sie an diesem Abend besucht hatten. Und ihre Mutter hatte vergessen, ihr zu sagen, dass gerade jemand versuchte, zwei ausgestopfte Ebenbilder von Herrn und Frau Patschanski Senior für eine Ausstellung anfertigen zu lassen. Das wusste Frau Patschanski nicht, als sie sich schwor, Rache zu üben. Aber nicht an dem Mörder ihrer Eltern, nein, an seinen Kindern. Und so gründete sie ein Waisenhaus, weil sie überzeugt war, dass er seine Kinder alleine lassen würde. Und diese sollten mit den schrecklichsten Methoden abgestraft werden. Die anderen unschuldigen Kinder waren ihr dabei egal. Und je älter sie wurde, je mehr sie sich von dem besagten Zeitpunkt in ihrer Vergangenheit entfernte, umso hasszerfressener wurde sie, was ihre frühe Alterung zeigte. Sie war 53 und sah aus wie 91. Krummer Rücken, schlohweiße Haare und unzählig viele Falten hätten sie zu einem Monster gemacht, wenn es das Zaubermittel der Kosmetik nicht gegeben hätte. So sah sie nur aus wie eine Hexe aus. Und diese Hexe hatte keine Ahnung von den anstehenden Veränderungen, als sie ihren Smart aufschloss und mit dem Mini – XXS – Kleinwagen nach Hause fuhr.

 

Der Plan war wasserdicht. Zumindest, wenn man ihn nicht auf Papier schrieb. Organisatorisch war alles gut gelaufen. Doch das Treffen hatte noch viel tiefere Spuren bei den Teilnehmern hinterlassen, als sie es ahnten. Sie wussten nun, wo sie hin gehörten. Die jahrelange Peinigung und Bestrafung hatte sie so verformt, dass sie aus jedem kleinen Hoffnungsschimmer einen ganzen Hoffnungsstern machten. Sie vertrauten ihm blind.        Julian hingegen wusste nicht, was er tat. Er wusste schon, dass er aus dem Waisenhaus entkommen musste. Die Anderen waren ihm dabei eigentlich relativ egal, aber er brauchte sie. Von der Kraft, die er erschuf, hatte er bis dahin noch keine Ahnung.

Um perfekt vorbereitet zu sein, war abgemacht, dass der Plan erst drei Tage später steigen sollte. In der Zwischenzeit sollten alle anderen Waisenkinder benachrichtigt und Waffen besorgt werden. Frau Patschanski wusste nichts. Aber sie spürte etwas. Wie Hexen eben so sind. Sie merkte, dass die Waisen plötzlich viel besser gelaunt waren. Und ihr entging auch nicht der soziale Aufstieg von Julian. Er war vorher schon sehr beliebt. Aber jetzt himmelten alle diesen zehnjährigen Sozialschmarotzer an. Daher bat sie ihn, einen Tag vor der geplanten Aktion, in ihr Büro.

„Hallo, Julian! Schön, dass du gekommen bist! Setz dich doch!“. Das aufgesetzte künstliche Lächeln konnte Julian nicht beeindrucken, aber er fügte sich. Als beide saßen – sie in einem Ledersessel hinter einem viel zu hohen Schreibtisch und er auf einem Holzhocker davor – setzte sie ihre Brille ab, die sie sowieso nur benutzte, um strenger zu wirken und begann das Gespräch. „So, Julian.“. Sie durchbohrte ihn mit ihren Augen. „Weißt du, warum ich dich gerufen habe?“. „Entschuldigung, aber sie haben mich rufen LASSEN. Und nein, ich weiß nicht, warum Sie ihre affenköpfigen Handlanger nach mir geschickt haben.“. Sie wurde rot und setzte schnell die Brille wieder auf, behielt aber die Fassung. „Gibt es einen Grund dafür, dass die Schüler plötzlich nur noch SIE anhimmeln?“. „Sie sind wohl neidisch? Nein, ich sehe momentan keinen Grund dafür, aber wenn, dann lass ich es sie wissen.“. „Gibt es einen Grund dafür, dass alle plötzlich fröhlich sind und sich mir ohne Widerrede fügen?“. „Nein, keine Ahnung, Frau Patschanski. Aber vielleicht hat ja ihre jahrelange Methode der Willensbrechung endlich Erfolg.“. „Gibt es einen Grund dafür, dass im letzten Monat insgesamt 50 Streiche durchgeführt wurden und in den letzten Tagen kein einziger?“. „Ich sagte doch, dass ich keine Ahnung habe.“. Frau Patschanski schien nun aus der Mimik – und Gestik – Leichenstarre, in der sie sich seit Beginn des Gespräches befand, zu erwachen und beugte sich nach vorne. „Du hast was vor. Was ist hier los?“: Sie haute mit der Faust auf dem Tisch. Das sah für einen Beobachter harmlos aus, verfehlte seine Wirkung aber nicht. Julian bekam Angst. „Und wenn Sie mir 5 Jahre lang mein Essen verweigern, aber ich werde schweigen. Und Sie sollten sich besser vorsehen, sonst kommt der Teufel und holt sie wieder zurück.“. Dann stand Julian ganz souverän auf und ging durch die Tür. Nachdem er sie hinter sich geschlossen hatte, flippte Frau Patschanski aus. 2 Tische und ein Wandschrank mussten dran glauben. Julian rannte zu den Schlafräumen und warnte alle, dass sie Wind davon bekommen hatte. Innerlich freute er sich. Julian vs. Fr. Patschanski 1 – 0.

Der nächste Morgen war der Anfang des Neuanfangs. Alle Kinder des Waisenheimes waren bereits vor dem offiziellen Wecktermin wach. Jemand hatte den Schlüssel für die  Vordertür organisiert. Dann nahmen Sie die Schilder aus dem Versteck und benutzten den Vordereingang, um aus der Hölle zu kommen und stellten sich davor. Passenderweise war auch ein Balkon über dem Vordereingang, sodass das Ganze aussah, als würden DDR – Bürger aus Prag ausreisen wollen. Aber die hatten keine Schilder. Und Geschichte wiederholt sich nicht. Oder doch? Jedenfalls hielten viele der Waisenkinder Plakate hoch, hielten Fackeln und skandierten vorher ausgeklügelte Parolen wie „Patschanski – Stalinski“ oder „Hunger, Elend, Krankheit – wir wollen endlich Freiheit!“. Der, der für die Parolen zuständig war, war nicht der Hellste. Der Aufstand zog Passanten an,  die spontan mit demonstrierten. Und als sich diesem Mob noch die Lehrer und die Kantinenkräfte anschlossen, war er nicht mehr aufzuhalten. Aber sie brauchten einen Führer. Und da stand Julian.

Julian hatte unterdessen den Weg zum Balkon gefunden.  Vorher hatte er ausgiebig seine Kriegsrede vorbereitet. Um die Massen zu elektrisieren, zu mobilisieren. Der Plan war nur die Demonstration, vielleicht ein paar Scheiben einschlagen. Noch war das genug. Doch Julian hatte etwas anderes vor. „Liebe Leidensgenossen, Freunde und Gleichgesinnte! Wir haben uns heute hier versammelt, um dem Schrecken ein Ende zu machen. Wir wollen keine autoritäre Führung mehr, sondern ein Waisenhaus, das nur noch aus sozialen Prinzipien besteht. Doch ist das so einfach möglich? In einer Gesellschaft, die einen Dreck auf soziale Gerechtigkeit gibt? Eine Gesellschaft, in der Reiche immer reicher werden, die Armen immer ärmer und auf eine Wirtschaftsform baut, die mit unserem heutigen Verständnis von Freiheit nichts mehr zu tun hat? Ich sage euch, wir müssen hier und heute ein Zeichen dagegen setzen. Und da reicht eine billige Demonstration nicht. Wir müssen dieses Haus hier abfackeln! Wir müssen Frau Patschanski zeigen, was sie mit ihrer Art anrichtet. Wir sind keine Tiere! Wer ist mit dabei?“: Das leise Gejohle während seiner Rede schlug nun in lautstarken Jubel um. Selbst die erwachsenen Lehrer und die hinzugekommenen Personen waren geflasht. Nun entlud sich der Zorn des Volkes. Nachdem Julian vom Balkon verschwunden war und aus dem Vordereingang trat, begannen Scheiben zu klirren, Fackeln wurden in das Gebäude geworfen und das Büro von Frau Patschanski wurde nicht verschont. Sie durfte aber springen. In ein aufgespanntes Leinentuch. Als sie unten angekommen war, zerrte Julian sie vor die grölende Menge. „ Hier ist die Person, die unser ganzes Leben zerstört hat. Hier ist die Person, für die die Werte Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit, Brüderlichkeit Fremdwörter sind. Hier ist die Person, die ohne Herz  geboren wurde – als Hexe, als Monster! Ich frage euch, was sollen wir mit ihr tun?“. Er bekam keine Antwort, aber er verstand es. Er ging mit ihr durch die Menge in die Mitte des Weges, der zum Vordereingang führte. Dort bildete sich ein Kreis.  „Macht mit ihr, was ihr wollt.“. Dann ließ er Frau Patschanski dort liegen und bahnte sich seinen Weg aus der Menge. Als er weg war, wurde der Kreis immer enger, bis Frau Patschanski nur noch von Waisenkindern umgeben war. Den Schrei hörte Julian noch, bevor er wegging. Seine erste Tat war vollendet. Nun wusste er, wie er seine Stärken einsetzen könnte. Er wusste aber nicht, wohin das führen würde.

Nun, bevor wir eine weitere Zeitreise machen, möchte ich noch anmerken, dass dies alles, was hier beschrieben wird, weder von übermenschlichen Kräften initiiert noch beeinflusst wird. Es ist eine Geschichte, wie sie jederzeit passieren könnte. Menschen sind böse, wie Frau Patschanski, was aber meist mit irgendeinem psychischem Problem zu erklären ist. Menschen haben außergewöhnliche Fähigkeiten wie Julian, der Menschen außergewöhnlich gut überzeugen kann. Menschen haben schlechtes Gewissen wie Julians rechtlicher Vater, der schließlich daran starb. Menschen verlieren gegen die Macht des Zufalls, wie Julians leibliche Eltern. Menschen sind leicht beeinflussbar wie die Waisenkinder. Menschen sind Menschen. Das ist der Grund, warum die Geschichte so passieren kann, wie sie passiert. Frau Patschanski war keine Hexe. Julian ist kein Heilsbringer.  Andi war kein Märtyrer. Die Waisenkinder waren keine Jünger. Und Gott hat Julians Eltern keinen Streich gespielt. Bestimmt ist es in der realen Welt da draußen möglich, dass es einen Gott gibt, der uns lenkt, dass es einen Satan gibt, der uns in die Versuchung führen will. Doch mein Anliegen ist es nicht, darüber zu sprechen. Das nehmen mir schon die Bibel und andere heilige Schriften ab, die leider zu häufig missverstanden werden. Mein Ziel ist es aber, den Menschen in all seinen guten und schlechten Facetten zu beleuchten. Denn der Mensch heißt Mensch, weil er irrt und weil er kämpft, weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt, wie Grönemeyer einst sang.

 

2035. Inzwischen war Julian 23 Jahre alt. Die Revolution im Waisenhaus hat ihn nicht wirklich weitergebracht. Zwar konnte er von der Polizei nicht dafür belangt werden, dennoch landete er auf dem harten Boden der Realität. Er hatte da draußen ja niemanden. Er musste auf der Straße leben, sich durchbetteln. Dabei half ihm die Disziplin, die er von Frau Patschanski gelernt hatte, nicht von Drogen oder Alkohol abhängig zu werden. Dadurch hatte er dann mehr Geld als andere Bettler, doch es brachte ihm nichts. Jahrelang versauerte er in der Gosse, bis er eines Tages zwei Personen vorbeigehen sah, die ihm merkwürdig bekannt vorkamen. Er hatte bei ihnen das Gefühl, als hätte er schon immer mit ihnen zusammengelebt, als hätten sie ihn immer beschützt und wären immer für ihn da gewesen. Doch er täuschte sich. Er hatte sie nie zuvor gesehen. Und Familie Kreuzer ging wortlos an ihm vorbei, bemerkte ihn noch nicht einmal. Dabei sollte der andere Junge nun an Julians Stelle stehen. Doch er hatte einen anderen Charakter und andere Stärken. Die Geschichte würde mit ihm keinen Sinn machen. Er wäre einfach nur ein bei der Geburt vertauschtes Kind, das vielleicht irgendwann davon erfahren würde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Julian ging es in diesem Moment richtig gut, er fühlte sich zu Hause, doch das währte nicht lange. Dann hatte die Welt und ihre Probleme ihn wieder eingeholt. Dann kam ihm die Idee, die sein ganzes folgendes Leben beeinträchtigen sollte.

Er trommelte seine alten Kumpels aus dem Waisenhaus zusammen, die auch in der Gosse leben mussten. Aber sie lebten alle an unterschiedlichen Orten – so würde niemand dem anderen mögliches Geld von Passanten klauen, das er nur bekommen hatte, weil er ein paar Meter weiter saß. Das Territorium in Tempelhof war gerecht aufgeteilt worden, sodass alle auch die gleichen Chancen hatten. Von den alten Kumpels waren allerdings leider nur noch Freddy, Charly und Marco übrig, der seit Ewigkeiten nicht mehr wie ein Playboy aussah und auch keine Mädchen mehr anzog. Anfangs nervte ihn das sehr, doch irgendwann hatte er einfach akzeptiert, dass er nicht mehr so sein könnte. Alle anderen ehemaligen Waisenkinder waren entweder als blinder Passagier aus Berlin ausgereist oder sie haben sich in ein anderes Waisenhaus einliefern lassen. Doch das wollten die vier nicht. Ihr Herz hing zu sehr an Berlin und an der wiedergewonnenen Freiheit, als dass sie eines von beiden hätten hergeben wollen.

An diesem Tag also im Jahre 2025 besuchte Julian zunächst Freddy, der versuchte, seinen Verstand mit liegengebliebenen Zeitungen einigermaßen auf Trab zu halten. Er bettelte immer an der einen Stelle. Niemand wusste, warum – Jeder der anderen Drei hatte mindestens einmal seinen Platz gewechselt. Nicht so Freddy. Und er summte immer. Die gleiche Melodie. Julian kannte sie. Irgendwoher. Aber er hatte ein anderes Anliegen, als er heute zu Freddy kam. Er setzte sich zu ihm. „Hey, Fred!“. Fred antwortete nicht, so wie oft, sondern summte einfach weiter. „Du kannst dich doch noch an damals erinnern – die Revolte?“: Freddy nickte, summte aber weiter. „Weißt du, was ich mich frage? Wieso wiederholen wir das Ganze nicht? Nur in einem größeren Ausmaß?“. Freddy hörte auf zu summen, blickte Julian an und runzelte die Stirn. „Soll das dein Ernst sein?“. „Überleg doch mal. Wir müssen hier irgendwie aus der Gosse rauskommen. Und damit die Leute uns folgen, können wir meine Redekunst, deinen Verstand, Charlys Fäuste und Marcos Attraktivität kombinieren – das könnte vielleicht klappen, oder?“. „Ich will dir wirklich nicht den Wind aus den Segeln nehmen, aber die Chancen, dass sowas in Deutschland….heute… passieren könnte…..ist etwa 1 zu – die Zahl gibt es gar nicht mehr.“. „Erinnerst du dich – wir haben schonmal gedacht, es wäre unmöglich.“. „Ja, aber das war ein Waisenhaus – wir reden hier von Deutschland!“. „Wir waren damals kleine Kinder – ich war gerade mal 10 und war der Anführer! Ich sage dir, wir schaffen das! Ich muss nur noch Charly und Marco überreden, dann treffen wir uns an der U – Bahn – Station. Bist du dabei?“. Widerwillig gab Freddy nach. „Also gut. Aber behaupte dann nicht, ich hätte es dir nicht gleich gesagt, dass das nichts wird!“. „Klasse – du bist ein echter Kumpel!“, sagte Julian, stand auf und ging.

Freddy war die härteste Nuss gewesen. Er war intelligent. Ihm konnte man so schnell nichts vormachen. Charly, der 3 Ecken weiter um Geld bettelte, war da leichter zu überzeugen.  Mit der Aussicht auf ein paar rohe Gewaltakte war er dabei. Obelix war nichts gegen ihn. Und Marco, der immer noch Sehnsucht nach seinem alten Ich hatte, wurde mit der Aussicht auf Ruhm, Reichtum und leichte Mädchen zufriedengestellt.

Julian hatte einen Plan – schon wieder. Und nun wusste er, wie er das alles zu seinen Gunsten nutzen konnte. Nachdem die vier sich getroffen hatten, machten sie sich ans Werk.  In der lokalen Presse wurde der Einbruch in eine örtliche Druckerei kaum wahrgenommen. Auch die Plakate, die aus dieser Druckerei zu kommen schienen, bemerkten die Medien nicht. Doch die arbeitende Bevölkerung schien sich sehr dafür zu interessieren. Die Plakate richteten sich gegen die Unterdrückung, gegen die Ungerechtigkeit. Dass eine Demonstration für etwas mehr als 500 Menschen angemeldet wurde, war den Zeitungen und dem Rundfunk auch völlig gleichgültig. Sie berichteten erst darüber, als es längst zu spät war. Diese Demonstration nämlich fand vor dem Berliner Rathaus statt. Die Polizei hatte die Demo genehmigt, weil von ihr keine große Gefahr ausging. Dachte sie. Doch zu dieser Kundgebung kamen mehr als 50.000 Leute. Der Platz war vollkommen überfüllt. Die Polizei hatte Mühe, diese Menge mit den wenigen abgestellten Beamten, diese Menge abzusichern. Vor den Menschenmassen war eine Bühne in mühevoller Kleinarbeit mit geklauten Materialien aus dem Baumarkt aufgebaut  worden. Eine halbe Stunde nach offiziellem Beginn der Demonstration kam Julians großer Auftritt. Und ab diesem Zeitpunkt war nichts mehr aufzuhalten. Die Geschichte kann ab hier nicht mehr anders passieren, als sie passieren wird.

„Volk! Liebe Arbeiter, liebe Bettler, liebe Konsumenten, liebe Krankenschwestern, liebe Taxifahrer! Liebes unterdrücktes Volk!“. Der Beginn seiner Ansprache breitete sich schallwellenartig über den gesamten Platz aus. „Heute ist der Tag gekommen. Heute ist der Tag, an dem Mauern niedergerissen werden, an dem Altes zerstört wird, an dem die Unterdrückung und die Sklaverei der Demokratie der Freiheit weicht. Ich sage euch, mit diesem System kommen wir keinen Schritt voran. Guckt euch die Straßen an! Zerfressen von Schlaglöchern, überall Stau, und an jeder Ampel heißt es warten. Guckt euch unsere Schulen an – wahllos geschlossen, überfüllte Klassen, unqualifizierte Lehrer. Guckt euch unsere Parteien an – ein Haufen dreckiger, Versprechen brechender Banditen, die nur Scheiße im Kopf haben. Und nun guckt euch selbst an. Seid ihr zufrieden mit eurer Situation? Seid ihr zufrieden damit, dass ihr den ganzen Tag schuften müsst und dabei eure Familie vernachlässigt? Seid ihr zufrieden damit, dass euer Mann mit jeder anderen im Bett landet? Seid ihr zufrieden damit, dass Gier und Neid den Tod eines nahen Verwandten überschatten? Seid ihr zufrieden damit, dass ihr euer Baby abtreiben müsst? Seid ihr zufrieden damit, dass alle denken, ihr wärt perfekt, wobei ihr innerlich ein Wrack seid oder eure jahrelange Beziehung vor dem Aus steht? Ich sage euch was: Ihr seid daran nicht schuld! Nein, der Staat ist es, dem die Schicksale einzelner Personen völlig egal ist. Er kann damit leben, dass eure Großmutter ermordet wurde. Er kann damit leben, dass ihr schwul seid und eure Eltern erzkonservativ sind. Ihm ist es scheißegal. Doch ich kann euch sagen, wem es nicht scheißegal ist. Mir! Wenn ihr euch mir anschließt, werden wir gemeinsam die Ungerechtigkeit in dieser Welt bekämpfen – wir werden ein neues, gerechtes System schaffen, wo niemand unterdrückt wird, wo sich um die Bedürfnisse Einzelner gekümmert wird! Wer ist dabei?“.

Während seiner Rede wurde die Zuschauermenge immer größer, obwohl die Polizisten verhinderten, dass noch mehr reinkamen. Es hatten sich viele durch die Barrieren der Polizei geschmuggelt. Durch die leeren Worte Julians angestachelt, brachen nun alle Dämme.  Die Polizeibarrieren brachen auseinander und viele Polizisten wurden einfach niedergetrampelt. Mit den anderen legten sich die Demonstranten an. Diese Beamten traten den taktischen Rückzug an. Nun war der Weg frei. Die Bürger strömten in das Rathaus, das sie komplett demolierten. Am Ende brannten sie es an.  Später konnte Julian keinen Unterschied zwischen diesen Bildern und den Bildern des letzten Abends im Waisenhaus feststellen. Das hatte er nicht kommen sehen, beim besten Willen nicht. Er wollte nicht, dass jemand stirbt, dass die ganze Berliner Regierung einfach verbrannt wird. Doch der jahrelang angestaute Zorn des Volkes entlud sich einfach.

Berlin. Eine wütende Volksmenge demolierte heute Abend das Berliner Rathaus und brannte es danach an. Sie wurde aufgestachelt durch eine Person, die sich Julian nennt und der al – qaida zugeordnet wird. Es gibt insgesamt 10 Todesfälle, darunter 12 Polizisten, die von den wütenden Teilnehmern einer anfangs bedeutungslosen Demonstration niedergetrampelt wurden. Zur Stunde werden weiterhin Leichen aus den Trümmern geborgen, die Todeszahl beläuft sich, wie ich hier gerade in der aktuellen Meldung sehe, die mir die Assistentin mit dem bezaubernden Hinterteil reingereicht hat, inzwischen auf 22. Ob sich der Regierende Bürgermeister darunter befindet, ist noch unklar.“.

„Mann, was hast du nur angestellt? Die Leute haben dir gehorcht – sie waren deine Marionetten. Aber, verdammt, Julian, es gab Tote! Wir müssen es beenden!“. „Es ist zu spät, Freddy –  guck, da vorne!“. Freddy blieb wie angewurzelt stehen. Julian hatte es nicht anders erwartet. Er wusste nun endgültig, wo das hin führen würde.

Auf dem Alexanderplatz, der sich vor ihnen ausbreitete, stand, überraschenderweise, eine Menschenmenge. Sie schrien: „Julian! Julian! Julian!“. „Es scheint, als würden die dich gerne als ihr Oberhaupt sehen wollen.“. Ohne auf das zu hören, was Freddy gerade gemurmelt hatte, kletterte er auf einen Laternenpfahl und fand dort eine angenehme Sitzposition. Dann sprach er laut : „Hiermit rufe ich die Freie Republik Berlin aus! Der Wille des Volkes bezeuge, dass ich von nun an euer Anführer sei und über die persönlichen Geschicke von jedem von euch bestimmen darf. Das gelobe ich, niemals zu missbrauchen oder zu missachten. Ich werde für jeden von euch ein guter Regent sein!“. Und dann streckte er langsam die Hand aus, als würde er nach einem Stern greifen. Das Volkbrach in Jubel aus. Berlin war nicht länger demokratisch. Diese Nachricht breitete sich wie ein Lauffeuer aus. Die Regierung der Bundesrepublik musste aus Berlin fliehen, genauso wie die Kanzlerin, der Bundestag, der Bundesrat und der Bundespräsident. Provisorische Landeshauptstadt wurde Potsdam. Sämtliche Botschaften mussten mit umziehen. Berlin war politisch autonom, gehörte geographisch aber noch zur Bundesrepublik. Julian hatte auch nicht vor, das zu ändern.  Doch niemand wusste, was das nun bedeuten würde. Niemand außer Julian. Es dauerte nicht lange, bis die Bundesregierung versuchte, die Hauptstadt mit militärischen Mitteln zurückzugewinnen. Doch darauf war Er vorbereitet. Schnelle Verhandlungen mit den Nordkoreanern und den Chinesen zwangen die Bundeswehr zum Rückzug. Doch Berlin blieb nicht das einzige Bundesland, in dem es Unruhen gab. Zunächst breitete es sich in andere Großstädte aus. Bald standen Hamburg, Bremen, Köln und München unter seiner Kontrolle. Nach Köln ergriff es den gesamten Ruhrpott und Nordrhein – Westfalen gehörte nun zu seiner Freien Republik. Niedersachsen, dem nun von zwei Seiten Unruhen drohten – Bremen/ Hamburg und NRW – trat dieser Republik freiwillig bei. Und nachdem die Revolution in Bayern auch auf dem Lande losging, dauerte es nicht lange, bis der Süden einschließlich Hessen, Rheinland – Pfalz und Sachsen in dem Bündnis aufgingen. Das Saarland und Thüringen hatten aufgrund ihrer geringen Größe keine Chance und traten ebenfalls bei. Nun gab es als strategisch wichtige Bundesländer nur noch Sachsen – Anhalt und Brandenburg, in dessen Hauptstadt sich weiterhin die Regierung verschanzte. Doch als die Brandenburger von den Berlinern hörten, mussten sie es gleichtun. Der Ansturm auf das Gebäude, in dem die Regierung kurzzeitig untergebracht worden war, glich dem Sturm auf die Bastille. Sämtliche Angehörige der Regierung, des Bundestages, des Bundesrates und des Stuhls des Ministerpräsidenten wurden ermordet. Ihre Leichen wurden in den Templiner See geworfen. Ein Menschenschlachthof wäre nichts gegen diesen Anblick gewesen. Daraufhin schlossen sich auch Sachsen – Anhalt, Schleswig – Holstein und Mecklenburg – Vorpommern der Revolution an.

Es war vollendet. Die Revolution hatte den Sieg davon getragen. Und Er, der sich um deren Wirren während seiner bisherigen Amtszeit kümmern musste, war nun der König von Deutschland. Und er schien sein Herz verloren zu haben – irgendwann zwischen der ersten Ansprache vor dem Berliner Rathaus und der Ausrufung der freien Republik.

Wenn Er kein Mensch gewesen wäre, würde die Geschichte hier enden. Er würde eine totalitäre Schreckensherrschaft errichten, deren Gegner einfach ausgeschaltet werden. Ein Zweites Drittes Reich. Diesmal hätte es vielleicht anders geendet. Aber meine Aufgabe ist es nicht, die Vergangenheit wieder aufzurollen. Meine Aufgabe ist es, eine mögliche Zukunft darzustellen. Doch dazu müssen wir wieder in die Vergangenheit blicken.

Als Julian noch im Waisenhaus war, hatte er ein Mädchen gekannt. Mia. Sie war 2 Jahre älter als er. Schwarzhaarig. Braune Augen. Wunderschöne Lippen. Auch wenn sie erst 12 war. Er hatte sie gemocht. Aber er hat sich selbst die Liebe zu ihr verweigert, weil sie älter und erfahrener war als er. Und er war nicht ihre Liga. So schätzte er sich zumindest ein, auch wenn er sehr beliebt war. Trotzdem wollte er sie näher kennen lernen, auch wenn er wusste, dass daraus nichts wird. Also bat er Marco um Rat. Er antwortete: „Mädchen in dem Alter werden nur mit dir ausgehen, wenn du ihnen vorher ihre Liebe gestehst. Und das möglichst öffentlich.“. Natürlich war das nur ein Scherz. Marco hätte nie gedacht, dass Julian das wirklich durchziehen würde. Doch er tat es. Er verkündete auf dem Hof lauthals seine Liebe zu Mia, woran er selbst aber nicht ganz glaubte. Und Mia? Während die anderen lachten, trat sie auf Julian zu und flüsterte: „Ich würde gerne mit dir ausgehen!“. Während den Dates sprang der Funke aber nicht über und die beiden sahen sich nie wieder. Bis zu dem einen Tag im Jahre 2036. Dort wollte er sich persönlich von den Gefangenen – Transporten in das armseligste Land der Erde überzeugen: Mecklenburg – Vorpommern. Als er zwischen den Gleisen einen Spaziergang unternahm, sah er ein Gesicht. Das Gesicht, das ihn genommen hatte, als alle ihn auslachten. Das strahlende Lächeln. Die vollen Lippen. Sie sah aus wie damals. Nur etwas älter. Und da sah er einen Blitz zur Erde gehen. Metaphorisch gesehen.

Seine erste und einzige Liebe. Er wusste damals nicht, dass er die Chance seines Lebens vertat, mit einer Frau zusammenzusein, die ihm wirklich etwas bedeutete. Die 2,3 Freundinnen, die er auf der Straße hatte – alles nur zum Zeitvertreib. Auch wenn er sie damals nicht liebte – er tat es, nur wollte er es nicht wahrhaben. Er erinnerte sich an das Gefühl. Liebe. Und nun vernichtete er sie. Er ging zum Ordnungsbeamten. „Was hat sie getan?“. „Den höchsten Gesetzesverstoß: Öffentliche Verleumdung, nackt auf dem Rathausplatz in Berlin!“. „Gut. Sie kommt frei.“. „Das geht nicht, Leiter!Sie haben selbst veranlasst, dass niemand solche Personen von ihrem Strafmaß befreien kann, nicht einmal Sie, Herr Leiter!“. „Sie werden sie jetzt augenblicklich freilassen!“. „Tut mir leid, Herr Leiter! Aber das ist gegen die Vorschriften!“: „Ich sag ihnen was:  ICH bin die Vorschriften und jetzt lassen Sie die Frau frei!“. „Tut mir leid, aber das kann ich nicht machen!“. „Sie werden morgen selbst in den Zug steigen!“. Entrüstet stapfte Er davon. Tags darauf hatte der Ordnungsbeamte den Deportationsbeschluss auf seinem Tisch.

Er fuhr mit seinem Wagen in das Lager, wo Mia hingebracht werden sollte. Es war irgendwo dort, wo man Gebäude durch fehlende Menschen nicht mehr anders nutzen konnte: Irgendwo in der Mecklenburgischen Seenplatte. Die Lagerpforte öffnete sich, als er mit seinem Regierungswagen vorfuhr. Er hatte diese Art von Lagern selbst konzipiert und wusste daher, wo die Neulinge hinkamen. Gaskammern gab es nicht, sie wurden einfach unter unmenschlichen Umständen zum Arbeiten gezwungen. Doch vorher wurden alle desinfiziert, damit keine Keime in das Lager kamen. Das war wichtig, denn sonst hätten sich Pest und Cholera noch schneller ausgebreitet als sie es so schon taten. Vor dem Desinfizierungsgebäude angekommen, stieg Er aus. „Guten Tag, Herr Leiter! Ich bin sehr überrascht, Sie hier zu sehen! Was wollen Sie hier?“. „Ich muss die Anlage kontrollieren! Es wurden erhebliche Mängel durch Ihren Assistenten festgestellt.“. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er es mir gemeldet hätte.“.  Er wurde nervös. „Hat er auch nicht. Er hat es sofort an mich weitergeleitet, weil das ein wichtiges Problem ist.“. „Aber er hätte mich zuerst informieren müssen, das ist Vorschrift! Ich entschuldige mich für ihn und werde mich sofort um ihn kümmern!“. „Machen Sie das.“. Ihm war scheißegal, was einem unwichtigen Assistenten passierte, er musste nur Mia vor dem sicheren Tod bewahren, den das Lager bot. Es war zwar nur ein Arbeitslager, dennoch starben die meisten nach zwei Wochen an Unterernährung, Krankheiten, oder den viel zu harten Strafen. Da der Offizier nun weg war, betrat Er das Gebäude. „Guten Tag, Herr Schreiberling! Können Sie mir sagen, wo in diesem Gebäude sich eine gewisse Mia befindet?“. „Nein, Herr Leiter, das tut mir leid, aber dazu bin ich nicht befugt.“. Der Soldat wandte sich wieder einer Zeitung zu, aus der er mühevoll aufgeblickt hatte. Dadurch sah er die Faust nicht kommen, die ihn mitten in seinem Gesicht traf. Er wurde sofort ohnmächtig. Danach untersuchte Er den Computer des Schreiberlings und fand den Bereich, in dem sich Mia zum Desinfizieren befand. Dann rannte Er los.

Vor dem Zimmer angekommen, knipste er die Anlage kurzerhand aus und betrat den Raum. Doch er war leer. Dann fiel ihm etwas ein. Er hatte gestern Abend noch einen Befehl unterschrieben, den sein Berater ihm unter die Nase gehalten hatte. Er sagte, es ginge um irgendwelche Exporte nach Russland. Er holte sich das Papier im Geiste nochmal her. Er sah es nur verschwommen, weil er zu diesem Zeitpunkt mit etwas anderem Wichtigem beschäftigt war. Er konnte nur die Worte „Arbeitslager“, „ab sofort“ und „geplante Tötungen“ erkennen.

Er sank in sich zusammen. Er heulte. Julian heulte. Der Mensch, der er immer gewesen war, kam wieder ans Tageslicht.

Es war alles außer Kontrolle geraten. Er hatte nicht mehr die Macht. Der Apparat, den er geschaffen hatte, hatte die Macht. Seine Idee war gescheitert. Er konnte dem Bürger nicht mehr Freiheit bieten als die Demokratie. Zumindest noch nicht. Vielleicht bringt die Zeit eine bessere Staatsform, doch noch war die Demokratie die beste Wahl.

Er kehrte zurück ins Berliner Rathaus. Dort rief er einen bekannten, gefürchteten ausländischen General an und verriet ihm, wie er das deutsche Regime stürzen konnte. Er legte auf, schritt zum Fenster und starrte zum letzten Mal die wunderschöne Skyline von Berlin an. Wahrscheinlich bewunderte er die Menschen, die hastig die Bürgersteige entlang rannten, weil sie die Schreckensherrschaft ausgehalten hatten. Vielleicht blickte er auf die untergehende Sonne und fragte sich, wie das alles passieren konnte. Ihm wurde klar, dass das Ausland ihn entweder verhaften oder in einer geplanten Aktion sofort erschießen würde wie Bin Laden. Er wusste, dass er es verdient hätte. Und wenn er so ein religiöser Spinner wie Osama gewesen wäre, hätte er auch auf sie gewartet, um als Märtyrer zu gelten. Doch sein schlechtes Gewissen all der toten Menschen und sein Stolz verbaten es ihm. Er schritt zu dem Bett, das bei ihm im Büro stand, knüpfte das Kissen auf und holte die versteckte Pistole heraus. Dann nahm er das Seil in der Ecke und verknotete es an einer Gardinenstange. Das andere Ende band er zu einer Schlaufe und hängte es sich um den Hals. Er nahm Anlauf und löste den Sicherheitsmechanismus der Pistole. Als er sprang, erschoss er sich.

Die Bürger, die eben noch hastig den Bürgersteig entlang gerannt waren, blieben erschrocken stehen, als sie den blutenden Leichnam des Diktators aus dem Fenster hangen sahen. Doch dieses Erstaunen wich bald grenzenlosem Jubel. Die Diktatur der Freien Republik war beendet.

Ausländische Mächte unter Führung der NATO besetzten Deutschland. Damit so etwas nicht noch einmal passierte, wurde Deutschland aufgeteilt. Brandenburg, Berlin und Mecklenburg – Vorpommern wurden nach Polen gegeben. Sachsen und Thüringen wurden in Tschechien eingegliedert. Bayern, Baden – Württemberg, Österreich, Liechtenstein und die Schweiz wurden zu einem neuen, unabhängigen Alpenstaat. Schleswig – Holstein und Hamburg wurden zu dänischem Hoheitsgebiet. Das Saarland und Rheinland – Pfalz bekam Frankreich. NRW und Hessen wurden belgisch, Niedersachsen, Bremen und Sachsen – Anhalt niederländisch.

Und so wurde aus einem harmlosen, vertauschten Kind ein Tyrann, der seinen Fehler erkannte, zu spät. Er hatte die Kontrolle verloren. Und so geht es uns doch oft im Leben. Oder nicht?


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