„Gefällt mir“

Er hieß Steffen. Steffen war ein fleißiger Schüler. Er lernte für jeden Test, als wäre es sein letzter. Er hatte wenig Freunde, dafür aber seinen PC. Seine Familie war von Alkohol – und Drogenexzessen geprägt und er hatte niemanden. Das Lernen und der PC war sein einziger Lebensinhalt. Bis zu diesem Tag. Bis zu diesem verfluchten Tag. Natürlich war er längst vernetzt und sah, wie viele seiner Mitschüler plötzlich facebook, twitter und myspace nutzten. Ein Hype darum, sich der Außenwelt mitzuteilen, ohne etwas bezahlen zu müssen. Steffen sah dies mit Erstaunen. Plötzlich flossen Datenmengen auf ihn ein, von denen er nicht einmal wusste, dass sie existierten. Und er sah noch etwas anderes. Seine Flamme, seine Liebe, sein Polarstern des Abendhimmels war Single. Sein Herz schlug höher, doch er wusste, dass er sie nicht erobern konnte. Doch er sah noch etwas anderes. Er begann, sich sexuell nicht mehr ausschließlich für Frauen interessieren. Aber er wusste, dass er es niemandem sagen konnte. Er würde zum Gespött werden. Selbst seine eigene Familie würde ihn nicht mehr so sehen, wie sie ihn immer gesehen hatten. Ein gewisser Ekel würde in ihnen empor steigen, wenn sie ihn sahen. Aber irgendjemanden musste er es erzählen. Jemand, der ihn ein bisschen kannte, aber auch nicht zu gut, weil sonst könnte ein gutes Verhältnis in die Brüche gehen. Er konnte es nicht seinen Freunden erzählen. Vielleicht seiner Tante, die er lange nicht mehr gesehen hatte, aber die war zu alt dafür. Irgendetwas drängte ihn dazu, sich seiner Flamme zu öffnen. Doch er musste das verhindern. Ein unglücklich gewählter Satz auf facebook – das wäre es gewesen. Sein Herz und sein Verstand rangen um die Vorherrschaft und schließlich entschied er sich, zu lernen und sich nicht um so einen Käse zu kümmern. Doch das Ganze ließ ihm keine Ruhe. Sein mit Leidenschaft flammendes Herz pochte immer schneller, während sein auf seinen ohnehin schon ramponierten Ruf bedachtes Gehirn heftige Kopfschmerzen ausstrahlte. Er drehte die Musik auf, um seinen inneren Krieg zu überhören, doch es gelang nicht. Er verzweifelte. Er dachte an seine tote Oma, die einfach so gegangen war, ohne ihn darauf vorbereitet zu haben. Er dachte an den Unfall. Der Unfall, der seiner Schwester das Leben gekostet hatte, und weswegen er noch immer eine Beinprothese trug. Und er dachte daran, wie man ihm vor ein paar Wochen gesagt hatte, dass er seinen richtigen Vater nicht kannte.

Dann kam ihm der Gedanke. Er hatte das alles erleiden müssen. Doch wozu? Entweder, damit er jetzt sein Leben genießen kann, oder damit er sich für immer Vorwürfe machte. Sein Verstand pochte auf die Vorwürfe, doch das Herz wollte JETZT leben. Er hatte irgendwo mal einen schlauen Graffiti – Spruch gelesen: „Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt!“. Er kannte die Gründe seines Herzens undplötzlich hielt er seinen Verstand für den eigentlich Dummen. Er brannte. Die Leidenschaft hatte die Kontrolle über seinen Körper gewonnen. Er loggte sich bei facebook ein. Seine große Liebe war, wie es der Zufall so will, auch online.

„hey, fiona!“

„hi, steffen!=) wie gehts?“

„geht so. muss dir was wichtiges sagen.“ Nun folgte eine kleine Pause, weil Steffen nicht wusste, wie er weitermachen sollte. Seine Hände zitterten, als es wieder dieses PLOPP gab.

„was ist denn?“

„ich weiß nich, mit wem ich sonst drüber reden soll – es is zieml schwer für mich, drüber zu sprechen, aber irgendjemandem muss ich es sagen.“ Er ließ sie das erstmal lesen, ehe er folgende Nachricht schickte:

„ich bin bisexuell.“. Eine lange, unangenehme Paus trat ein und sein Verstand lachte ihn aus. Es gab nun drei Möglichkeiten: Entweder sie ging off und antwortete nicht. Oder sie tröstete ihn. Oder sie lachte ihn aus.

Eine gefühlte Ewigkeit später kam das nächste PLOPP.

„WOW das hätte ich nich gedacht – ich hatte dich immer für einen psychopathen gehalten, aber nich für bi! Ok war n scherz=)“

Er war erleichtert, dass sie das so aufgenommen hatte. Und jetzt war sein Herz wieder dran, jemanden auszulachen.

„ich muss dir noch was sagen.“. Jetzt stockte sein Herz wieder. Aber er konnte jetzt nicht mehr zurück.

„Ich liebe dich!“. Die letzten beiden Sätze waren so nicht geplant, aber jetzt setzte er alles auf eine Karte.

Fiona, am anderen Ende der Leitung, war perplex. Das war zu viel auf einmal. Sie musste es erstmal verdauen. Klar, Steffen, war immer der typische Streber gewesen: Er hatte immer Einsen, war aber sozial nicht ganz so weit oben. Doch sie brauchte ein Spielzeug. Sämtliche ihrer Freundinnen hatten so einen Freund – einer, der alles mit sich machen lässt und eigentlich nur Deko – Zwecke besitzt. Sie brauchte einen Freund. Und ihr Verstand tippte folgende Zeilen ein:

„wie süüüß!! triff mich heute um 6 im cafe an der südstr – und sei pünktlich! Bussi – muss jetz off!“.

Und nun war Steffen perplex. Er wusste nicht, worauf er sich da einließ.

Nach ein paar Tagen merkte er allerdings, worauf das hinauslief. Sie wollte Geschenke und gab ihm dafür Sex. Keinen normalen Sex. Es grenzte an Nekrophilie. Er durfte nur ran, wenn sie schlief. Eines Abends, als es wieder geschah, nahm er ihren Vibrator, befestigte ihn an ihr, so gut es ging, und verschwand. Er ging nach Hause, fuhr seinen PC hoch und schrieb eine letzte Statusmeldung: „STEFFEN HEINRICHS … ist tot.“. Danach löste er die Beziehung zu Fiona per facebook auf, löschte seine anderen Profile, packte seine Sachen, fuhr seinen PC herunter, zertrümmerte ihn, und ging. Er ging dahin, wohin der Wind ihn trieb. In die Freiheit. Er tötete sich nicht, aber er verlor seine Identität. Bald war er nur noch ein Gespenst in der Erinnerung seiner Hinterbliebenen und unter seiner neuen Identität Guido Westerwelle wurde er berühmt für seine Unentschlossenheit.